Verbotene Zinsen: Wie Amerikas Stablecoin-Gesetz Bitcoin durch die Hintertür ins Finanzsystem holt
Stellen Sie sich vor, Sie legen Geld auf ein Konto, das sich anfühlt wie ein Girokonto der Zukunft: digital, weltweit, rund um die Uhr verfügbar. Nur eines fehlt – Zinsen. Nicht, weil der Anbieter knausert, sondern weil ein Gesetz sie ausdrücklich verbietet. Diesen Weg haben die USA eingeschlagen: Der 2025 verabschiedete GENIUS Act unterwirft Stablecoins – digitale Dollar-Token – erstmals einem umfassenden Regelwerk, und er untersagt den Herausgebern, ihren Kunden Zinsen zu zahlen. Eine kluge Schutzmaßnahme, sagen die einen. Ein Damm, der das Wasser nur umleitet, sagen die anderen. Und wie so oft bei Dämmen lohnt der Blick dorthin, wo das Wasser stattdessen hinfließt.
Zwei Gesetze, ein Fundament im Rohbau
Zur Einordnung: Die USA bauen an einem zweiteiligen Rechtsrahmen für digitale Vermögenswerte – und der ist noch nicht fertig. Der GENIUS Act wurde im Sommer 2025 beschlossen und legt die Grundpfeiler für Zahlungs-Stablecoins bereits im Gesetzestext fest: eins zu eins gedeckt mit Bargeld und kurzlaufenden US-Staatsanleihen, Rückgabeanspruch zum Nennwert, keine Zinsen. Die Detailregeln der Aufsicht werden allerdings noch geschrieben; vollständig greift das Gesetz spätestens Anfang 2027. Der zweite Baustein, der CLARITY Act, soll die Marktstruktur für die übrigen Digital-Assets ordnen – er hat im Mai 2026 den Bankenausschuss des Senats passiert, ist aber noch kein Gesetz. Bemerkenswert: Bitcoin kommt in alledem fast nur am Rande vor; seine Einordnung als Rohstoff ist längst geklärt. Auf dem Papier ist das eine Regulierung für die Welt jenseits von Bitcoin.
Wem gehören eigentlich die digitalen Dollars?
Wer hält diese Token überhaupt? Schätzungen zufolge liegen rund zwei Drittel des weltweiten Stablecoin-Bestands – insgesamt gut 300 Milliarden US-Dollar – in Schwellenländern: bei Menschen, die schlicht Zugang zum Dollar suchen, weil die eigene Währung an Kaufkraft verliert. Für sie ist der fehlende Zins zweitrangig. So exportieren Stablecoins nebenbei den Dollar in die Welt – und stützen die Nachfrage nach US-Staatsanleihen. Das Zinsverbot zielt auf etwas anderes: Verzinste Stablecoins könnten im Inland massenhaft Bankeinlagen abziehen und die Kreditvergabe gefährden, eine ernstzunehmende Sorge. Nur verschwindet der Wunsch nach Rendite durch ein Verbot nicht – er wandert dorthin, wo das Verbot nicht greift. Die Aufsicht arbeitet bereits an Regeln gegen allzu kreative Umgehungen. Doch der interessanteste Ausweichpfad führt ausgerechnet über Bitcoin.

Der Stresstest vom Juni
Seit Sommer 2025 gibt es an der US-Börse ein Wertpapier, das sich gezielt an Anleger richtet, die einen „digitalen Dollar mit Zins“ suchen: eine Vorzugsaktie mit dem Kürzel STRC, begeben vom größten börsennotierten Bitcoin-Halter, dem Unternehmen Strategy. Sie soll um einen Zielkurs von 100 Dollar pendeln, schüttet monatlich aus, und der Emittent kauft mit den Erlösen Bitcoin. Direkt erwerben kann das nur, wer Zugang zum US-Kapitalmarkt hat – auf die meisten Stablecoin-Nutzer weltweit trifft das nicht zu. Doch diese Lücke beginnt sich zu schließen: Auf Krypto-Schienen entstehen tokenisierte Varianten, die solche Ausschüttungen in frei handelbare Dollar-Token verpacken – bislang eine Nische von wenigen hundert Millionen Dollar. Wer hier investiert, sollte sich klarmachen, was er einkauft: eine Kette von Versprechen. Am Anfang ein Unternehmen, das Dividenden zahlen will, dann Protokolle, Verwahrer und Smart Contracts – häufig auf Blockchains, deren Betrieb stärker von einzelnen Akteuren abhängt als der von Bitcoin. Jedes Glied dieser Kette ist eine Gegenpartei, die ausfallen kann. Und schon das Ursprungspapier ist rechtlich kein Sparkonto, sondern ein Wertpapier ohne Einlösungsanspruch. Das zeigte der Juni 2026: Als der Bitcoin-Kurs deutlich nachgab, fiel STRC zeitweise auf rund 75 Dollar. Der Herausgeber stützte mit einem Maßnahmenpaket – 3,8 Milliarden Dollar Liquidität, notfalls gespeist aus dem Verkauf eigener Bitcoin-Bestände –, und der Kurs erholte sich spürbar.

Das Echo von 2022
Wie ernst solche Warnzeichen zu nehmen sind, lehrt ein Blick zurück. 2022 versprach ein Sparprotokoll auf den damals drittgrößten Stablecoin TerraUSD 19,5 Prozent Zinsen im Jahr – Milliarden flossen in ein Konstrukt, dessen Stabilität nicht durch echte Reserven gesichert war, sondern durch einen selbst geschaffenen Schwester-Token namens Luna. Anfang Mai 2022 zogen große Anleger ihre Einlagen ab; binnen einer Woche verlor TerraUSD seine Dollar-Bindung, Luna fiel von über 80 Dollar auf praktisch null, und rund 45 Milliarden Dollar an Marktwert lösten sich auf. Fairerweise: Instrumente wie STRC sind anders gebaut – hinter ihnen stehen reale Bitcoin-Bestände und die Bilanz eines börsennotierten Unternehmens, kein zirkuläres Token-Paar. Doch die Lektion von damals gilt unverändert: Je höher der versprochene Zins auf „stabiles“ Geld, desto dringlicher die Frage, woher er eigentlich kommt.

Was das für Anleger bedeutet
Die Lehre ist eine dreifache. Erstens: „Stabil“ ist keine Eigenschaft, sondern ein Versprechen – es lohnt zu prüfen, wer es gibt und womit es unterlegt ist. Ein regulierter Stablecoin verspricht Rückgabe zum Nennwert, aber keinen Zins; ein verzinstes Bitcoin-Papier verspricht Ausschüttungen, aber keinen stabilen Kurs. Zweitens: Rendite entsteht nicht aus dem Nichts – sie ist die Bezahlung für ein Risiko, das irgendwo in der Kette jemand trägt. Je mehr Zwischenstationen zwischen dem eigenen Geld und dem zugrunde liegenden Wert liegen, desto mehr Gegenparteien müssen ihr Versprechen halten. Das macht solche Produkte nicht unseriös, aber erklärungsbedürftig. Drittens, die vielleicht größte Ironie: Bitcoin selbst wurde als Gegenentwurf zu genau solchen Ketten entworfen. Wer ihn direkt hält und selbst verwahrt, ist auf kein Zahlungsversprechen Dritter angewiesen – es gibt schlicht keine Gegenpartei, die ausfallen könnte. Die neue Produktwelt, die auf Bitcoin aufbaut, holt diese Gegenparteien zurück ins Spiel und macht seine Entwicklung zugleich für Instrumente relevant, die im Gewand des Dollars daherkommen. Man kann beides nutzen. Man sollte nur wissen, dass es nicht dasselbe ist.
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Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und Bildung und stellt keine Anlageberatung dar. Die Nennung einzelner Wertpapiere dient ausschließlich der Veranschaulichung und ist keine Empfehlung. Für Entscheidungen im Einzelfall wenden Sie sich bitte an qualifizierte Fachleute.
