Vom Vorreiter zum Zauderer: Warum Deutschland bei Zukunftstechnologien zögert

Vor rund 150 Jahren war Deutschland, gemessen an Patenten, Chemiefabriken und neu gegründeten Unternehmen, so etwas wie das Silicon Valley seiner Zeit: Ein junges, strenges Patentrecht schützte Erfindungen, Universitäten und Industrie arbeiteten eng zusammen, und binnen weniger Jahrzehnte stieg das Land zur führenden Industrienation Europas auf. Diese Geschichte lohnt sich gerade jetzt zu erinnern. Denn im aktuellen Global Innovation Index der Weltorganisation für geistiges Eigentum WIPO ist Deutschland von Platz neun auf Platz elf zurückgefallen – erstmals seit Jahren nicht mehr unter den zehn innovativsten Volkswirtschaften der Welt. Die eigentlich spannende Frage ist nicht die Platzierung selbst, sondern: Warum tut sich ein Land, das Innovation einmal geradezu neu erfunden hat, damit heute so schwer?

Elf statt neun

Der Rückfall auf Rang elf ist kein Ausreißer, sondern folgt einem Muster: Deutschland liegt bei den Innovations-Ergebnissen – also dem, was am Ende tatsächlich herauskommt – noch auf einem guten achten Platz. Bei den Voraussetzungen dafür, etwa Investitionen und Rahmenbedingungen, reicht es nur für Rang fünfzehn. Die WIPO benennt strukturelle Schwächen konkret: bei der Digitalisierung und bei der Fähigkeit, aus guten Ideen neue Geschäftsmodelle zu skalieren. Gleichzeitig zählen deutsche Regionen wie München, Berlin und Stuttgart weiterhin zu den weltweit führenden Innovationsclustern – sieben an der Zahl, mehr als in fast jedem anderen Land. Deutschland ist also nicht innovationslos. Es ist eher so, als hätte ein sehr guter Sprinter plötzlich Mühe, seine Kraft überhaupt auf die Strecke zu bringen.

Weltspitze in der Forschung, Mittelmaß in der Verwertung

Diese Diagnose bestätigt eine zweite, unabhängige Studie: Der Innovationsindikator, den der Bundesverband der Deutschen Industrie gemeinsam mit Roland Berger, dem Fraunhofer-Institut und dem ZEW jährlich für 35 Volkswirtschaften erstellt, sieht Deutschland auf Rang zwölf. Bei sogenannten Schlüsseltechnologien liegt Deutschland immerhin auf Rang vier, bei der Kreislaufwirtschaft sogar auf Platz eins. Doch bei der Frage, wie effizient neues Wissen tatsächlich zu Geschäft wird, reicht es nur zu einer Kommerzialisierungseffizienz von 61 Prozent – während die reine Wissensgenerierung mit vollen 100 Prozent bewertet wird. Das ist die eigentliche sokratische Pointe dieser Zahlen: Was nützt exzellente Forschung, wenn der Weg von der Erkenntnis zum Unternehmen so oft ins Stocken gerät?

Chart: Wertentwicklung DAX 40 vs. Nasdaq Composite, indexiert seit 2015 – Illustration der unterschiedlichen Bewertung von Innovationskraft an den Kapitalmärkten, keine Anlageempfehlung

Wenn Forschung das Land verlässt

Eine aktuelle BDI-Umfrage unter Industrieunternehmen liefert dazu einen unbequemen Befund: Rund ein Drittel der großen deutschen Industrieunternehmen mit mehr als tausend Beschäftigten hat Forschung und Entwicklung inzwischen ganz oder teilweise ins Ausland verlagert. Als Gründe nennen die Unternehmen an erster Stelle die Kosten, dicht gefolgt von geringerer Bürokratie und größerer Offenheit für neue Ideen an den ausländischen Standorten. Damit wandert nicht nur eine Abteilung ab – mit der Forschung verlässt langfristig auch die Grundlage künftiger Wertschöpfung das Land, in dem sie einmal entstanden ist.

Vorsicht als Muster – auch beim Geld der Zukunft

Dieses Muster zeigt sich, in kleinerem Maßstab, ausgerechnet auch bei Bitcoin. Bereits seit Januar 2020 gilt in Deutschland eine eigene Erlaubnispflicht für die Verwahrung von Kryptowerten, mit eigener BaFin-Aufsicht und Mindestkapitalanforderungen – deutlich früher und strenger geregelt als in den meisten europäischen Nachbarländern, die erst mit der EU-weiten MiCA-Verordnung seit 2024 und 2026 nachzogen. Das ist nicht grundsätzlich falsch: Anlegerschutz ist ein legitimes Ziel, kein Selbstzweck der Bürokratie. Es zeigt aber dieselbe Grundhaltung wie bei anderen Zukunftstechnologien: zuerst regulieren, dann – wenn überhaupt – zum Standortvorteil ausbauen. Andere Volkswirtschaften setzen häufiger auf den umgekehrten Weg: zuerst wachsen lassen, dann nachschärfen.

Innovationsfähigkeit ist am Ende auch eine Geldfrage: Kapital und kluge Köpfe fließen dorthin, wo Rahmenbedingungen Vertrauen und Tempo gleichzeitig bieten. Deutschland hat beim Vertrauen – exzellenter Forschung, verlässlichen Institutionen – historisch wenig zu befürchten. Beim Tempo, mit dem daraus etwas Neues entsteht, lohnt der ehrliche Blick auf die eigene Bilanz.

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Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und Bildung und stellt keine Steuer-, Rechts- oder Anlageberatung dar.

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