Wer darf entscheiden, wofür Bitcoin genutzt wird?

Stellen Sie sich vor, jemand schickt per Speditions-Lkw eine große, leere Kiste – aufwendig verpackt, viel Volumen, aber ohne nutzbaren Inhalt. Er bezahlt die Frachtgebühr, also ist es technisch erlaubt. Ein Lkw hat aber begrenzte Ladekapazität. Wenn viele das tun, bleibt für echte Frachtsendungen weniger Platz – andere Pakete kommen später an oder werden teurer. Irgendwann fragt jemand: Sollte man das nicht einfach per Regel untersagen?

Genau diese Frage stellt die Bitcoin-Community gerade – nur dass es statt leerer Kisten um Bilder, digitale Sammelkarten und sogenannte NFTs geht, die auf der Bitcoin-Blockchain gespeichert werden. Und statt eines Gesetzes ist es ein technischer Vorschlag namens BIP 110.


Was ist überhaupt ein BIP?

Bitcoin wird nicht von einem Unternehmen kontrolliert. Es gibt keine Zentrale, keinen Vorstand, keine Marketingabteilung. Änderungen am Protokoll – also an den Grundregeln, nach denen Bitcoin funktioniert – werden öffentlich diskutiert und als sogenannte Bitcoin Improvement Proposals (BIPs) vorgeschlagen. Das sind im Grunde Verbesserungsvorschläge, die jeder einreichen kann. Ob ein solcher Vorschlag umgesetzt wird, entscheidet letztlich die gesamte Gemeinschaft: Entwickler, Betreiber von Netzwerkknoten und Miner müssen mitziehen.

BIP 110 ist ein solcher Vorschlag – und er sorgt seit Monaten für intensive Debatten.


Das Problem: Bilder und NFTs auf der Bitcoin-Blockchain

Seit einigen Jahren werden auf der Bitcoin-Blockchain Dinge gespeichert, die mit dem ursprünglichen Zweck – der Übertragung von Wert zwischen zwei Parteien – nichts zu tun haben. Digitale Bilder, NFTs, sogenannte Ordinals und Inscriptions: Akteure nutzen technische Möglichkeiten des Protokolls, um beliebige Daten in Bitcoin-Transaktionen einzubetten.

Für die Kritiker ist das Spam – Datenmüll, der die Blockchain aufbläht, die Transaktionsgebühren für alle anderen in die Höhe treibt und das Netzwerk mit Inhalten belastet, für die es nicht gedacht war. Beim Bitcoin-Halving im Jahr 2024 – also jenem Ereignis, bei dem die Ausschüttung neuer Bitcoins an Miner halbiert wird – waren die Gebühren zeitweise so hoch, dass ganz normale Überweisungen teuer und langsam wurden. Mit verursacht wurde das durch NFT-Projekte, die den verfügbaren Blockplatz für ihre Zwecke nutzten.

Das ist nicht neu. Schon 2012 belegte ein Spiel namens Satoshi Dice kurzzeitig rund 50 Prozent aller Bitcoin-Transaktionen. Damals löste sich das Problem von selbst – das Interesse ließ nach, die Gebühren normalisierten sich. BIP 110 ist der Versuch, diesmal nicht auf den Markt zu warten, sondern aktiv einzugreifen.


Was den Stein ins Rollen brachte

Den unmittelbaren Anstoß für BIP 110 lieferte eine Änderung in der meistgenutzten Bitcoin-Software, Bitcoin Core, in der Version 30 Anfang 2025. Bisher galt eine informelle Beschränkung: Netzwerkknoten leiteten bestimmte Datenpakete in Transaktionen nur weiter, wenn sie kleiner als 83 Byte waren – ungefähr so viel wie ein kurzer Tweet. Diese Beschränkung wurde mit Version 30 aufgehoben.

Für Befürworter von BIP 110 war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Wenn die Software freiwillig mehr Datenmüll durchlässt, brauche es nun eine verbindliche Regel auf Protokollebene, die das verhindert.


Was BIP 110 konkret vorschlägt

Um zu verstehen, was BIP 110 will, hilft eine kurze Erklärung, wie Bitcoin-Regeln überhaupt funktionieren.

Bitcoin kennt zwei Ebenen von Regeln:

Weiterleitungsregeln bestimmen, welche Transaktionen von Netzwerkknoten an andere weitergegeben werden. Man kann sie sich wie einen Türsteher vorstellen, der entscheidet, was überhaupt in die Warteschlange kommt. Diese Regeln sind flexibel – jeder Knotenbetreiber kann sie für seinen Knoten anpassen.

Konsensregeln hingegen sind die eigentliche Verfassung des Netzwerks. Hier entscheiden alle Teilnehmer gemeinsam, welche Blöcke – also Pakete aus bestätigten Transaktionen – als gültig anerkannt werden. Ein Block, der gegen diese Regeln verstößt, wird vom gesamten Netzwerk abgelehnt, egal wer ihn erstellt hat.

BIP 110 will auf dieser zweiten, bindenden Ebene ansetzen. Bestimmte Transaktionsmuster, die erkennbar nicht dem Geldtransfer dienen, sollen als ungültig erklärt werden. Technisch geschieht das über einen sogenannten Softfork – eine Verschärfung der Regeln, die rückwärtskompatibel ist: Ältere Versionen der Software laufen weiter, erkennen aber bestimmte Blöcke nicht mehr als gültig an.

Geplant ist die Aktivierung für September 2026 – entweder wenn 55 Prozent der Mining-Rechenleistung den Vorschlag aktiv signalisiert, oder zu einem festgesetzten Datum, unabhängig davon, ob die Miner mitziehen. Eine Besonderheit: Die Regel wäre zunächst nur für ein Jahr aktiv und würde sich danach automatisch wieder abschalten. So, so die Idee, könnte die Community beobachten, ob der Eingriff funktioniert – und danach neu entscheiden.


Wer hinter BIP 110 steckt – und wer nicht

BIP 110 ist nicht Teil der verbreiteten Bitcoin-Software Bitcoin Core, sondern lebt in einer Alternativimplementierung namens Bitcoin Knots. Diese wird vor allem von einem kleinen Kreis ideologisch motivierter Entwickler rund um den Programmierer Luke Dashjr betrieben, der auch den Mining-Pool Ocean betreibt.

Das ist kein technisches Detail am Rande: Es bedeutet, dass ein Miner, der BIP 110 unterstützen will, aktiv seine gesamte Software austauschen oder eigens anpassen müsste. Das ist aufwendig, teuer und risikoreich – Mining-Unternehmen sind heute oft börsennotierte Firmen, bei denen jeder Fehler in der Software direkte finanzielle Verluste bedeutet.


Warum der Gebührenmarkt das Problem möglicherweise bereits löst

Kritiker von BIP 110 stellen eine einfache Frage: Braucht es diesen Eingriff überhaupt?

Bitcoin verfügt über einen eingebauten Regulierungsmechanismus – den Gebührenmarkt. Wer eine Transaktion bestätigt haben möchte, zahlt eine Gebühr. In Zeiten hoher Nachfrage steigen diese Gebühren, und irgendwann lohnt es sich nicht mehr, teure Blockplätze für spekulative NFT-Projekte zu zahlen. Die Geschichte gibt dieser These recht: Alle bisherigen Wellen von Ordinals und Inscriptions haben sich nach einiger Zeit von selbst beruhigt. Derzeit sind die Blöcke kaum voll, die Gebühren niedrig.

Dazu kommt ein ökonomisches Argument: Miner – also die Rechenzentrumsbetreiber, die Transaktionen verarbeiten und dafür Bitcoins als Belohnung erhalten – verdienen an jeder Transaktion, unabhängig von deren Inhalt. Sie haben keinen wirtschaftlichen Anreiz, BIP 110 zu unterstützen, wenn es ihre Einnahmen schmälert. Tatsächlich nutzt heute außer dem Ocean-Pool kaum ein relevanter Mining-Betrieb die Software, die BIP 110 unterstützt. Die nötige Unterstützung von 55 Prozent der Rechenleistung erscheint damit derzeit unrealistisch.


Die eigentliche Frage: Wer entscheidet, was auf Bitcoin erlaubt ist?

Hinter der technischen Debatte verbirgt sich eine grundsätzlichere Frage – und sie ist für jeden relevant, der Bitcoin verstehen will.

Bitcoin wurde als neutrales, zensurresistentes System entworfen. Niemand soll entscheiden können, welche Transaktion erlaubt ist und welche nicht. Das war von Anfang an eine Kernidee: Ein Protokoll, das ohne Erlaubnis funktioniert, unabhängig davon, wer die Transaktion sendet und wozu.

BIP 110 berührt dieses Prinzip. Denn sobald eine Gemeinschaft beschließt, bestimmte Transaktionen auf Protokollebene auszuschließen – auch wenn es zunächst nur um Bilder und NFTs geht – stellt sich die Frage: Was kommt als nächstes? Im Nodesignal-Podcast nennen die Gesprächspartner dazu ein konkretes Beispiel: Wäre es mit demselben Mechanismus nicht auch denkbar, Transaktionen von Adressen auszuschließen, die auf internationalen Sanktionslisten stehen? Diese Frage klingt abstrakt – sie ist es nicht. Iran hat angekündigt, Ölgeschäfte in Bitcoin abwickeln zu wollen, gerade weil das Netzwerk nicht zensierbar ist. Ein Präzedenzfall, der Einschränkungen normalisiert, könnte genau diese Eigenschaft gefährden.

Hinzu kommt ein technisches Risiko: BIP 110 versucht, bestimmte Transaktionsmuster als „erkennbaren Spam” zu definieren und auszuschließen. Doch Bitcoin-Transaktionen können komplex sein. Es besteht die Möglichkeit, dass dabei auch legitime Nutzungsformen unbeabsichtigt beeinträchtigt werden – etwa Multisignatur-Arrangements, bei denen mehrere Parteien gemeinsam eine Transaktion freigeben müssen, oder vorausgefertigte Erbschaftstransaktionen, die erst Jahre später ausgelöst werden. Und selbst wenn BIP 110 technisch korrekt umgesetzt ist: Wer Daten auf der Blockchain speichern will, wird kreative Umgehungswege finden. Das Katz-und-Maus-Spiel begänne von vorn.


Ein Blick in die Geschichte: Die Block-Size-Wars

Diese Debatte hat einen Vorläufer. Im Jahr 2017 spitzte sich ein ähnlicher Konflikt zu – damals um die Frage, ob die maximale Blockgröße erhöht werden solle, um mehr Transaktionen pro Block zu ermöglichen. Unternehmen, Mining-Konzerne und ein Teil der Entwickler plädierten für die Erhöhung; die andere Seite sah darin eine Zentralisierungsgefahr. Am Ende setzte sich das Lager durch, das gegen eine einfache Blockgrößenerhöhung war. Bitcoin blieb, was es ist – und die Fraktion, die eine andere Lösung wollte, spaltete sich in eine eigene Kryptowährung ab.

Die Block-Size-Wars zeigen: Änderungen an Bitcoins Grundregeln sind nicht unmöglich – aber sie erfordern einen breiten Konsens innerhalb der Community. Wer etwas ändern will, ist im Nachteil. Das ist kein Fehler des Systems, sondern ein bewusstes Designprinzip.


Fazit: Was die Debatte über Bitcoin verrät

BIP 110 wird die Bitcoin-Blockchain wahrscheinlich nicht revolutionieren – die aktuelle Unterstützung ist gering, und das Problem, das es lösen soll, ist derzeit nicht akut. Aber die Debatte ist lehrreich.

Sie zeigt, dass Bitcoin kein starres, unveränderliches Objekt ist, sondern ein lebendiges System, in dem unterschiedliche Akteure unterschiedliche Interessen vertreten. Entwickler, Miner, Knotenbetreiber und Nutzer haben alle eine Stimme – keine davon ist absolut.

Und sie stellt eine Frage, die über die Technologie hinausgeht: Was soll Bitcoin sein? Ein reines Geldsystem, das jeden anderen Datenmüll aktiv ausschließt? Oder eine neutrale, zensurresistente Infrastruktur, die offen bleibt – auch auf die Gefahr hin, dass jemand Bilder darin speichert?

Wer diese Frage beantworten will, versteht Bitcoin ein Stück besser.


Haben Sie Fragen zu Bitcoin – technisch, wirtschaftlich oder strategisch? Ich biete unabhängige Beratung für Privatpersonen und Unternehmen. Nehmen Sie Kontakt auf.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert